"DORFKRUG" Rutenberg
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Marion & Harald de Lamotte

 

Wir haben uns spontan in das Haus verliebt“


Marion und Harald de Lamotte auf der „Sonnenuntergangs-Terrasse“ des Rutenberger Dorfkrugs.


Veränderung. Seit vier Jahren betreibt ein Ehepaar aus Kassel den „Dorfkrug“. Das Angebot aus Hausmannskost und Übernachtungen möchte es nun erweitern.

Von Ivonne Zimmermann

Rutenberg. Seit vier Jahren betreiben Marion und Harald de Lamotte den Rutenberger Dorfkrug. „Wir haben uns spontan in das Haus verliebt“, sagen die beiden, die dieser Liebe wegen aus Kassel in die Uckermark gezogen sind. Etwa 20 Objekte hätten sie sich zuvor angeguckt und im Dorfkrug schließlich sofort ihr neues Zuhause gefunden.

Das Gasthaus ist Bestandteil eines alten Bauernhofes. Haupt-, Stall- und Nebengebäude rahmen einen Hof – das Reich einiger Enten und Hühner – ein. Dahinter leben Hängebauchschweine, Schafe und Ziegen auf einer Wiese. Katzen und Hunde komplettieren den Bauernhof.

Fast zehn Jahre stand das Objekt zuvor leer. Vorher hatte „Oma Wichmann“ die Gastwirtschaft geführt. „Sie war eine Institution“, ist sich Harald de Lamotte bewusst. Aus diesem Grund hat das Paar trotz der Renovierungs- und Umbauarbeiten an der Atmosphäre des Innenbereiches nicht viel verändert. Wenngleich die Einrichtung neu ist, haben die beiden doch die Vertäfelung an den Wänden gelassen und dekorieren ihre Gaststube teilweise auch mit Artikeln aus dem „Oma Wichmann“-Fundus.

Das „Fürstenzimmer“ hat seinen Namen behalten. Dort sind die Wände mit Holz verkleidet.

Die Sitzbänke und hölzernen Tische unterstützen das rustikale Ambiente der Gaststube, in der gleichzeitig der Künstler Herbert Bröffel einige seiner Aquarelle ausstellt. Sie zeigen die Landschaft um Rutenberg. „Genau wie wir hat sich auch mein Vater sofort in die Natur hier verliebt“, erklärt Harald de Lamotte.

So möchten die Gastwirte ihr Angebot, bestehend aus Hausmannskost und Übernachtungen in der Ferienwohnung, um die Präsentation von Kunstwerken erweitern. „Wir möchten uns im Ort engagieren, wollen helfen, ihn zu beleben“, sagt Marion de Lamotte. Aus diesem Grund soll die Ausstellung im „Fürstenzimmer“ erweitert werden. „Für Ende Juni haben wir eine Vernissage geplant“, verrät die Gastwirtin.
Artikel vom 29. Mai 2009

 

 



Wir standen hier und heulten"

 

Auf dem alten Mühlenberg war es einst
um sie geschehen: Marion und Harald
de Lamotte haben sich in den Ort verliebt.
"Irgendwie spürten wir, dass hier unsere
Heimat sein wird." Foto: Manja Wilde

 


Von Manja Wilde

Rutenberg. Der Anfang ist ein bisschen traurig: Aus Marion und Harald de Lamotte, einem ganz normalen Pärchen mit Freundeskreis, wurden Menschen zweiter Klasse. „Als die anderen merkten, dass wir unsere Arbeitsplätze los waren, haben sie uns nicht mehr eingeladen – später nicht mal mehr gegrüßt.“ Das ist gut vier Jahre her und ereignete sich im Rhein-Main-Gebiet.

Die kleine Erbschaft von Marion de Lamottes Mutter im Rücken, beschlossen die beiden sich nach einem Haus umzusehen, um noch einmal neu anzufangen. „Wir stiegen ins Wohnmobil und fuhren los“, beschreibt Harald de Lamotte. „Der Krug in Rutenberg war unser 35. Objekt. Wir sind auf den Berg hinterm Haus gestiegen, haben uns angeguckt, sind uns in die Arme gefallen und haben geheult. Irgendwie wussten wir: Hier sind wir zu Hause.“ Bei den Erinnerungen greift er die Hand seiner Frau. Die 53-Jährige strahlt. Und in diesem Moment ist klar: Sie haben ihren Schritt nicht bereut.

Der alte Dorfkrug von Rutenberg ist ein Gebäude mit Tradition. Wie alt der Bau mit Scheune und Ställen ist, kann niemand sagen. „Mitte des 18. Jahrhunderts haben wir mal irgendwo gefunden“, sagt Gastwirt de Lamotte. „Der Krug? Der war schon immer hier“, ist sich hingegen Rosemarie Langlott sicher. Sie ist gebürtige Rutenbergerin und gerade dabei, eine Chronik für den „700 plus X“ Jahre alten Ort zu erstellen. „Wann er genau gegründet wurde, ist unklar. Es existiert keine Urkunde. Erst über den Verkauf vor 700 Jahren haben wir ein Dokument.“

Viel hat sich von damals nicht erhalten. Gerade mal die Kirche mit Feldsteinmauern, gotischem Portal und Rundbogenfenstern. Dem Gut hingegen stecken nicht mal hundert Jahre im Gebälk. Im restaurierten Haupthaus befand sich nach der Enteignung des Gutsherren die Gemeindeverwaltung. Jetzt sind darin Wohnungen. „Und das hier war die Schnapsbrennerei.“ Rosemarie Langlott nimmt die Sonnenbrille ab und blickt die Straße entlang. „Hier vorne, die alte Schmiede und die Arbeiterhäuser gehören zu den ältesten Gebäuden.“

In einer der Arbeiterkaten hat das Ehepaar Fecke sein Sommerhaus. Dorothea Fecke kniet davor und zupft Unkraut. „Hier wohnte der letzte Nachtwächter, Franz Kohlberg“, weiß die Chronistin. „Der Nachtwächter? Hat der nicht bei uns gewohnt?“ Renate Süß ist verdutzt. Auch sie und ihr Mann Udo sind Zugezogene. „1968 kamen wir nach dem Studium zunächst nach Lychen“, berichtet der Biologielehrer. Bei einem Elternbesuch war es dann um die Süßens geschehen. „Wir sahen Rutenberg und verliebten uns.“ Im Jahr 1993 bot sich die Gelegenheit: Der Kindergarten stand nach der Schließung zum Verkauf. Das Paar schlug zu. „Endlich raus aus der lauten Stadt“, Renate Süß seufzt und atmet den Duft ihres „gezielt verwilderten Grundstückes“ ein. „So haben es die Schüler mal genannt, mit denen wir hier zu Klassenfahrten campierten“, sagt ihr Mann.

Vor ihm, auf dem Tisch der schattigen Veranda liegen Fotoalben. Sie dokumentieren die Modernisierungsarbeiten. „Hier, das Bad mit sechs Waschbecken“, Renate Süß bufft ihren Mann in die Seite. An ihre erste Nacht im neuen Heim können sich die beiden genau erinnern. „Es war an einem Pfingstsonntag, wir bekamen den Schlüssel und wussten: Keine Nacht länger in Lychen.“ Die beiden gackern vergnügt. Ein Foto zeigt das Schlafsacklager. Heute hat das Paar das Haus, das erst Armenhaus, später Kriegsgefangenenlager und dann Kita war, umgebaut. Im Wohnzimmer steht eine Batterie Nussknacker. Daneben hängt eine „helle Barde“, die Nachtwächterwaffe. Immerhin hatten die beiden angenommen, dass der Wächter in ihren vier Wänden lebte. Von all dem ist heute nichts mehr zu ahnen.

Ein Zustand, von dem Marion und Harald de Lamotte noch träumen. Im Tanzsaal des Gasthauses wartet das Mauerwerk auf Trockenlegung. Die zweite Ferienwohnung harrt ihrer Sanierung, und, und, und. Ob sich das Projekt eines Tages rechnet, wissen die beiden nicht. „Besser in Rutenberg Hartz IV als im Rhein-Main-Gebiet“, sagt der Gastwirt trocken. „Dort haben die Menschen mehr Angst vor der Armut. Hier gehört man selbst mit Hartz IV noch zur Mitte des sozialen Gefüges. Wenn man zu jemandem geht und von seinen Problemen erzählt, ist der andere fast erleichtert, weil es ihm ähnlich geht und man überlegt, wie man sich helfen kann.“


Fakten und Geschichte

Einwohnerzahl: 193

Zugehörigkeit: Stadt Lychen

Geschichte
1307: Wird die Gründung des Ortes angenommen. Eine schriftliche Gründungsurkunde gibt es jedoch nicht.
1309: Heinrich zu Mecklenburg-Stargard verkauft das Dorf zusammen mit den Einkünften aus der Mühle „Hemelrikesse mölne“ an das Kloster Himmelpfort.
1541-1727: Rutenberg gehört zum Hause Himmelpfort.
Der Ort geht in den Besitz von Trott zu Badinger über.
1727: Nach dem Aussterben derer von Trott fielen die Güter an den Lehensherren, König Wilhelm I., zurück.
1808: Das Untertänigkeitsverhältnis wurde aufgehoben. Die Amtsbauern sind freie Leute.
1857: Bauer Foth baut eine Ziegelei, 1873 einen 2. Ofen.
1952: Gründung der LPG.

Artikel vom 16. Mai 2008



 

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